„Hallo, ich bin auch dabei!“

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Nelson Mandela ist am 5.12.2013 im Alter von 95 Jahren gestorben. In den Nachrufen, die dieser Tage in den Zeitungen erscheinen, ist viel die Rede von seinem Engagement für die Menschenrechte und den Frieden. Das ist unbestritten. Doch daneben gibt uns sogar das Medienereignis seines Todes eine Botschaft mit auf den Weg, die wir Ernst nehmen sollten.

Die Nachricht vom Tod Nelson Mandelas verbreitete sich am Abend des 5. Dezember in wenigen Minuten. Der ehemalige südafrikanische Präsident hatte schon seit einigen Monaten im Sterben gelegen. Die großen Medienhäuser konnten ihre vorgeschriebenen Texte also aus den Schubladen ziehen. Sie hatten sich bereits seit einiger Zeit Gedanken darüber gemacht, wie man diesen großen Mann wohl ehren könnte und welche Worte wohl die besten wären.

Neben den Leitmedien stand das Thema jedoch auch auf Twitter, Facebook und Co. in kürzester Zeit an erster Stelle. Der Hashtag #RIPNelsonMandela war weltweit die Nummer eins. Naturgemäß sind die sozialen Netzwerke aber kurzlebiger als die herkömmlichen. Hier hatte sich niemand auf den Tod vorbereitet. Hier wurde die Nachricht nur verbreitet. Inhaltlich hatte das praktisch keinen Wert, lediglich einen multiplikatorischen.

Massenhaftes „Kondolieren“

Dennoch hat sich der Trend zum massenhaften Kondolieren in den letzten Jahren enorm verbreitet. Das war bei Michael Jackson zu beobachten, bei Whitney Houston oder dieser Tage bei Paul Walker. Das ist also nichts Besonderes. Dennoch war es im Falle Mandelas in außergewöhnlichem Umfang zu beobachten und legt damit eine Praxis offen, die mehr als fragwürdig ist.

Denn wenn es oben hieß, es handle sich um massenhaftes „Kondolieren“, so ist dieser Begriff nicht ganz richtig. Kondolieren bedeutet heute, dass man sein Beileid ausdrückt. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und heißt so viel wie „Schmerz empfinden“, „leiden“ oder eben „trauern“. Das Paradoxe ist aber, dass eigentlich niemand wirklich um Nelson Mandela trauert.

Vielmehr geht es darum, die Nachricht zu verbreiten, sie an den Mann zu bringen. Man postet einfallsreich unter dem Hashtag #RIPNelsonMandela „RIP Nelson Mandela“ und setzt dazu einen Link zur SZ oder zum SPIEGEL. Das war’s. Wenn es hoch kommt, ein Mandela-Zitat dazu. Aus. Mit Auseinandersetzung, Innhelaten, Gedenken, Trauern oder ähnlichem hat das nichts zu tun.

Ohne Frage: Das muss es auch grundsätzlich nicht, denn man kannte diesen Menschen ja nicht, man hat meist keinerlei Verbindung zu ihm, weil die wenigsten Menschen auf der Welt Südafrikaner sind und das Apartheits-Regime miterleben mussten. Nur was soll die Botschaft #RIPNelsonMandela dann, wenn doch alle von seinem Tod bereits aus den Medien erfahren?

Wieder einmal Selbstdarstellung

Es läuft einmal mehr auf Selbstdarstellung hinaus. Indem man unter dem Hashtag etwas postet, beweist man sich selbst, dass man eine Stimme hat, dass man lebt, dass man ist. Man zeigt sich selbst, dass man vorn dabei ist. Wie ein Kind, das in der Schule schnipst, weil es die Antwort weiß. Man überzeugt sich von seiner eigenen Existenz, obwohl man sich bewusst ist, dass die anderen die Antwort auch kennen – denn sonst würden sie sich nicht melden und man müsste nicht schnipsen.

Es geht also nicht um das Ereignis, sondern um das Selbst. Von Moral und Pietät soll in diesem Zusammenhang  nicht die Rede sein – aber bei Ereignissen, wie dem Tod eines Menschen oder Naturkatastrophen stellt sie sich automatisch. Wie beim Reden ist es auch beim Posten so, dass <i>vorher</i> Denken hilft. Scheinbar ist die Sehnsucht, am eigenen Selbst zu schrauben aber meist größer als die Vernunft, einen Moment innezuhalten und zu reflektieren.

lg

Bildquelle: World Trade Organization (flickr.com) unter cc by-sa 2.0

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