Wir waren Off. Eine Selbstreflexion.

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Wenn man Niklas Luhmann glauben darf, kann die Soziologie es praktisch aufgeben, die Gesellschaft zu untersuchen. Denn als wissenschaftliche Disziplin kann sie sich niemals außerhalb des Wissenschaftssystems und damit auch niemals außerhalb der Gesellschaft stellen. Und wie soll man etwas neutral beobachten, dessen Teil man ist? Irgendwo bleibt da immer ein blinder Fleck – selbst wenn man die Beobachtung oder die Beobachtung der Beobachtung beobachtet.

In die Falle gegangen

Uns geht das mit diesem Blog nicht anders, haben wir feststellen müssen. Nur, dass das bei uns etwas anschaulicher ist, als bei Luhmann: Bei einem Vorstellungsgespräch kam vor einiger Zeit auch unser Blog zur Sprache. Unvermittelt fragte der Interviewer, ob wir mit unserem Vorhaben denn nicht unter kognitiver Dissonanz litten. „Sehen Sie: Sie schreiben hier, Sie machen einen netzkritischen Blog. Ich meine, das ist doch ein Oxymoron.“

Oder anders: Wir waren gerade drei, vier Monate dabei, da schickten wir eine Mail an unseren Freundeskreis raus, um den Blog zu bewerben. Wir wollten, dass Leute unseren Blog lesen, also wiesen wir sie auf ihn hin. Und nicht nur auf unseren Blog, sondern auch auf unsere Facebook-Page. Denn wenn man Leser haben möchte, dann ist man heute auf die Like- und Teilfunktion Sozialer Netzwerke angewiesen. Die Mail endete deshalb mit den Worten: „Wir freuen uns über jeden Kommentar, jeden Follower und jedes Like.“ Es dauerte keine zehn Minuten, da schrieb eine Freundin zurück: „Steht da wirklich am Ende ,Wir freuen uns …. über jedes LIKE‘?? Seid ihr da nicht in eine Falle getappt?“

Ja, sind wir. Keine Frage. Und nicht nur in diese. Deshalb haben wir eine lange Pause eingelegt. Zur Reflexion über das, was wir im Netz gemacht haben. Ein Dreiviertel Jahr Pause, in dem wir darüber nachdenken konnten, was im ersten Dreiviertel Jahr des Blogs so alles passiert ist.

Overload an digitaler Sozialität

Wir haben angefangen diesen Blog zu schreiben, weil wir etwas zu sagen hatten. Wir waren einem Overload an digitaler Sozialität erlegen und deshalb aus Facebook geflüchtet. Also haben wir angefangen, uns mit diesem Overload auseinanderzusetzen. Erstmal, indem wir uns darüber unterhielten, dann auf netzreflexion. Wir begannen, primär über Facebook zu schreiben. Facebook war unser Aufhänger.

Nach einiger Zeit fielen uns zwei Dinge auf. Erstens, dass wir gerne eine größere Leserschaft haben würden. Denn der Blog war nicht nur als Selbstgesprächskreis gedacht, sondern sollte auch Gleichgesinnte informieren und ihnen eine Plattform zur Diskussion bieten. Wenn der Blog aber von niemandem gelesen würde, verfehlte er seinen Zweck, schlossen wir daraus. Und zweitens fiel uns auf, dass wir uns nicht facebookreflexion genannt hatten, sondern netzreflexion. Unser Themenspektrum sollte unserem Namen gerecht und damit weiter werden.

Kommerzialisierung oder Herz?

Diese beiden Erkenntnisse waren richtungsweisend. Denn wer mit einem breiteren Themenspektrum eine breite Leserschaft erreichen möchte, der muss sich Gedanken ums „Marketing“ des Blogs machen. Heißt: Er muss den Blog marktfähig machen. Er braucht Inhalte, die geteilt werden. Er muss viele unterschiedliche Leser bedienen – er muss unterhalten, aufrütteln, begeistern … Er muss Regelmäßigkeit in die Posts bringen. Er muss Kooperationen schließen.

Haben wir alles gemacht. Und das gar nicht mal erfolglos. Bis wir gemerkt haben, dass sich irgendetwas daran falsch anfühlt. Der Blog wurde zur Belastung. Er wurde anstrengend, unlustig, beliebig. Anstatt das zu tun, was wir wollten, waren wir nur noch damit beschäftigt, den Erwartungen unseres Besucherstatistik-Panels gerecht zu werden. Wer ständig Themen braucht, schreibt nicht mehr von Herzen, sondern weil er muss. Dabei kann nichts Gutes rauskommen. Und wenn man Zeit zum Nachdenken braucht – Pep Guardiola hat es uns gelehrt –, dann nimmt man sich ein Sabbatical.

Unser Sabbatical ist vorbei.

Unser Sabbatical ist vorbei. Ab sofort wollen wir versuchen, den Blog in seine alten Bahnen zurückzulenken. Wir haben die Kooperationen auf Eis gelegt. Wir werden ab und an schreiben. Eben dann, wenn uns etwas bewegt, wenn uns danach ist. Nicht, wenn der Markt es verlangt. Nicht, weil wir irgendwann mal Werbekunden haben wollen. Nicht, weil ein Partner Inhalte fordert.

Wir freuen uns auch in Zukunft wahnsinnig über euren Besuch auf netzreflexion. Und natürlich auch darüber, wenn ihr über uns sprecht, uns empfehlt. Wir freuen uns, wenn ihr mit diskutiert, wenn ihr eure Meinung einbringt. Wir sind uns jetzt des inneren Widerspruchs unseres netzkritischen Blogs bewusst. Auch dank einiger wohlmeinender Hinweise unserer Leser.

Zukünftig versuchen wir wieder, im Netz über das Netz zu reflektieren – ganz ohne Social Media, SEO und den ganzen anderen Kram wird es nicht gehen. Aber inhaltlich wollen wir uns davon nicht mehr ablenken lassen.

Comments
One Response to “Wir waren Off. Eine Selbstreflexion.”
  1. Michael sagt:

    Wenn das ein neuer Anfang ist, dann hat sich die Bedenkzeit gelohnt.

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