Zurück ins blaue Netz?

1190905388_27910b4fe2_z-e1358159500766Soll ich mich wirklich wieder anmelden? Mein Leben mit tausenden von Bildern, Kommentaren und roten Zahlenfähnchen vollladen? Ich habe ein Jahr ohne Facebook gelebt und dabei viel über meine schwierige Beziehung zu dem sozialen Netzwerk gelernt. Unter meinen Freunden die einzige Person, die nicht angemeldet ist. Wer mich kennt, hat sich auf den Zustand eingestellt. Meine Freunde rufen mich an und schreiben mir Emails, obwohl das eigentlich niemand mehr macht. Mein soziales Leben funktioniert auch ohne Listen, Likes und Kommentare. Trotzdem fühle ich mich in manchen Momenten isoliert und einsam mit meiner Verweigerung. In ein paar Monaten werde ich mein gewohntes Umfeld verlassen und in einer neuen Stadt weiterstudieren. Ist es auch ohne Facebook möglich, sich an einem fremden Ort einzuleben? Ich spüre, dass ich bald am Ende meines Boykotts angekommen bin.

Ich kann die Standard-Aussteiger-Anekdote erzählen. Weil ich nicht bei Facebook bin, wurde ich einmal nicht zu einer Party eines wichtigen Freundes eingeladen. Das war kurz traurig. Möglicherweise sind mir auch Parties von anderen Bekannten und einige Kulturevents entgangen. Da ich nichts davon mitbekommen habe, weiß ich auch nicht, was ich verpasst habe. Seit ich kein Facebook mehr habe, ist alles ruhiger in meinem Kopf. Ich sehe täglich viel weniger Bilder und bestimme selber, welche Informationen ich mir einhole. Mein Leben kennt keinen Newsfeed mehr: Ich bekomme Neuigkeiten aus meinem sozialen Umfeld nicht vorsortiert, sondern frage selber bei meinen Freunden nach, was es Neues gibt. Ich habe mehr Zeit als vorher und komme wieder dazu, in Ruhe Zeitungsartikel und Bücher zu lesen. Am Computer bin ich, wenn ich für die Uni arbeite, Emails checke oder mich über das Tagesgeschehen informiere. Danach unternehme ich Dinge, die sich nicht vor einem Bildschirm abspielen. Wenn mich Leute fragen, warum ich nicht mehr dabei bin, erzähle ich von meiner ganz eigenen Beziehung zu Facebook, von Dingen, die mir gefallen und Dingen, die mich stören. Viele sagen dann, dass sie sich auch schon abmelden wollten, es aber aus verschiedenen Gründen nicht konnten. „Schade, dass du nicht mehr dabei bist.“ Hat ein Freund mir mal gesagt. Dann war er selber schockiert: „Äh, habe ich wirklich ‚schade‘ gesagt?“ In anderen Gesprächen über meinen Ausstieg wurde ich als radikal und reaktionär bezeichnet. Das hat mir zu denken gegeben.

Facebook hat einige gute Seiten: Es verbindet Menschen und erleichtert die Kommunikation mit Bekannten und Freunden, die weiter weg wohnen

1 Milliarde Menschen vergessen keine Geburtstage mehr, können blitzschnell Events organisieren und im Urlaub bei Leuten auf der Couch übernachten, mit denen sie nach dem Kennenlernen nur lose Kontakt gehalten haben. Als ich mich 2007 bei Facebook angemeldet habe, habe ich das Netzwerk ausschließlich für meine Auslandskontakte genutzt. Einige Zeit später war auch mein gesamtes deutsches Umfeld dabei. Personen, die ich jeden Tag sowieso sehen konnte, tauchten auch nochmal in meiner Onlinewelt auf. Irgendwann habe ich mein Profil mehrfach am Tag gecheckt, mich viel mit Privatsphäre-Einstellungen rumgeschlagen und gemerkt, dass ich süchtig nach mehreren täglichen Updates wurde. Das Netzwerk animierte mich, aktiver zu sein als es mir lieb war. Irgendwann ging mir auf die Nerven, dass das, was Leute auf meinem Profil sehen konnten, nichts mehr mit mir selbst zu tun hatte. Ich war viel in der Natur, mein Profil zeigte mich als Stadtkind. Ich war manchmal schlecht gelaunt, auf jedem meiner Facebookfoto strahlte ich. Ich traf mich mit meinen Freunden, auf meine Pinnwand posteten diejenigen sinnlose Kommentare, die am wenigsten mit mir zu tun hatten. Timeline war das Angebot von Facebook, mein reales Leben komplett ins Digitale zu übertragen und abrufbar zu machen. Eine unheimliche Vorstellung.

Alles über Facebook

Wenn ich an den Start meines Studiums zurückdenke, fällt mir auf, dass sich viele Kontakte, die sich während meines ersten Semesters zufällig ergeben haben, ohne Facebook nicht weiterentwickelt hätten. Da wäre Marie, mit der ich nach unserem gemeinsamen Praktikum über Facebook Kontakt gehalten habe. Heute ist sie eine meiner engsten Freundinnen und wir sind uns beide sicher, dass wir es ohne Facebook bei unserem Arbeitsverhältnis belassen hätten. Ich würde auch nicht in der wunderbaren WG wohnen, in der ich wohne, weil ich meine Freundin Toni, die ich seit Anfang meines Studiums kenne, nach ihrem Fachwechsel aus den Augen verloren hätte. Meine anderen Mitbewohner wären bei ihrem Einzug fremde Menschen gewesen. Durch Facebook waren sie Bekannte von Bekannten und beim Zusammenleben schnell vertraut. In den letzten drei Jahren habe ich viele interessante Kommilitonen kennengelernt. Mit einigen von ihnen würde ich mich in der Zukunft gerne kurzschließen und verfolgen, wo sie landen und beruflich unterkommen. Ich stehe mit meinem Umzug wieder vor einer sozialen Aufbauphase und werde mich in den nächsten Wochen wahrscheinlich noch einmal für Facebook entscheiden. In einem neuen Umfeld würde es mich sehr viel Energie kosten, erreichbar zu bleiben und aus zufälligen Bekanntschaften mehr werden zu lassen. Ich habe trotzdem einige Bedenken. Wird das Netzwerk seine Anreize so setzen, dass ich meine Zeit verschwende oder Dinge von mir preisgebe, mit denen ich mich unwohl fühle?

Ich konnte mir nur leisten, aus Facebook auszusteigen, weil ich bereits ein soziales Netz um mich herum aufgebaut hatte

Ich wusste, wen ich zum Kaffeetrinken, Sport machen oder Feiern anrufen konnte. Meine Freunde waren flexibel genug, die Kommunikation auf Handy und Emails umzustellen, wenn sie mich erreichen wollten. Um die Vorteile von Facebook, wie z.B. das einfache Einladen oder das leichte Kontaktieren von Personen bei Auslandsaufenthalten zu nutzen, muss ich wahrscheinlich einen Preis zahlen und unangenehme Seiten von Facebook akzeptieren. Ich sollte wahrscheinlich einen Umgang mit Facebook erlenren, der mich zu einem zufriedenen Mitglied des Netzwerks macht. Ich nehme mir vor, nur Leute zu meinen Kontakten hinzuzufügen, die ich näher kennenlernen will. Jede angenommene Freundschaftsanfrage soll in eine Liste eingeordnet werden, damit mein Chef nicht die gleichen Posts sieht, wie meine Freunde. Und statt mich die ganze Zeit einzuloggen, will ich die Emailbenachrichtigung nutzen. Keine eigenen Alben, keine Posts, keine Selbstdarstellung. Mein Ziel ist es also, Facebook als reines Nachrichtenmedium zu nutzen. Geht das?

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Bildquelle: tanakawho(flickr.com) unter cc by 2.0

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