Wie die Smartphones unser Leben veränderten

Smartphones gibt es seit 1996. Ja, wirklich. Aber seitdem hat sich viel getan. Seit Apple 2007 das iPhone vorstellte, hat sich unser soziales Miteinander spürbar verändert. Dadurch, dass heute alles schnell gehen kann, wird erwartet, dass alles auch schnell geht. Die Qualität der Ergebnisse hält dieser Erwartung leider nicht immer Stand. Zur ständigen Erreichbarkeit und der vollumfänglichen Verfügbarkeit von Information kommt die Erwartung dauerhafter Handlungsfähigkeit. Das setzt uns zunehmend unter Druck. Wie wir damit umgehen können, lest ihr hier.

 

Smartphones gibt es seit 1996. Ja, wirklich. Damals war das Nokia 9000 der Shit. Ich meine, man muss sich das mal vorstellen: Das Ding konnte Faxe verschicken. Welches Smartphone kann das heute noch? Tja, siehste … Und online gehen konnte man damit auch schon. Na gut, die Bandbreite kann man heute nur noch belächeln (9,6 kBit/S), aber man muss bedenken, dass die Websites damals ja auch noch nicht so aufwändig programmiert waren wie heute. Neben der Bandbreite sprechen 2012 vor allem die Tastatur, das Display und das Gewicht gegen den Nokia-Knochen: kein Touchscreen, keine Apps, Pixel, die man mit bloßem Auge zählen kann und ein halbes Kilo in der Hosentasche.

 

„Today, apple is going to reinvent the phone.“

Genau diese Hosentasche hatte es etwas mehr als zehn Jahre später in sich. Denn Apple verkündete „the internet in your pocket – for the first time ever“. Da stand also ein hagerer, grauhaariger Mann mit schwarzem Rollkragenpullover, verbeulten Jeans und weißen Sneakers auf einer Bühne in San Francisco und sagte:

„Today, we‘re introducing three revolutionary products. The first is a widescreen iPod with touchcontrols. The second is a revolutionary mobile phone. And the third is a breakthrough internet communications device. (…) These are not three seperate devices. This is one device. And we are calling it: iPhone. Today, apple is going to reinvent the phone.“

Aber nicht nur das. Mit dem iPhone veränderte Apple langfristig auch Muster unseres sozialen Miteinanders. Denn mittlerweile hat gefühlt jeder eines – und wenn kein iPhone, dann doch ein anderes Smartphone.

 

Ständige Erreichbarkeit

Erstens bezieht sich diese Veränderung darauf, dass jedermann jederzeit erreichbar ist. Und damit ist gar nicht mal die eigentliche Kernkompetenz des Telefons – das Telefonieren –  gemeint, sondern dessen Repertoire an zusätzlichen Funktionen. Wenn beispielsweise eine Mail nicht binnen einer Stunde beantwortet wird, beginnt man sich zu wundern: „Checkt der eigentlich seine Mails nicht – oder ist sein Akku leer?“ Was früher allein das Schicksal von Businessmen war, ist heute unser aller Schicksal geworden.

Die zweite Veränderung betrifft mobile Messenger-Dienste. Saß man früher vor dem Rechner, um zu ICQen oder bei MSN zu schreiben, textet man sich heute über WhatsApp oder ähnliche mobile Messenger Dienste. Auch zum Skypen muss man nicht mehr zu Hause sein. Einfach die App runterladen und im WiFi überall kostenlos an alle Orte der Welt telefonieren.

Dadurch ist unsere Kommunikation schneller und mobiler geworden. Sie ist weniger an Orte gebunden. Das sind alles positive Punkte, die allerdings auch eine Schattenseite haben. Gleichzeitig setzen sie uns einem hohen Druck aus. Jeder weiß, dass man überall und jederzeit erreichbar ist. Und selbst, wenn man gerade keine Zeit zum Telefonieren oder Mails-Beantworten hat, ist ich doch wohl wenigstens Zeit, kurz eine iMessage mit der Info zu schicken, wann man sich melden wird. Dadurch wird das Kommunizieren beliebiger, weniger zielgerichtet. Man kommuniziert darüber, wann man kommunizieren wird oder darüber, dass man gerade nicht kommunizieren kann. Anstatt einfach später einmal zu kommunizieren, entstehen sinnlose Kommunikationsketten über die Kommunikation selbst.

 

Alles Wissen der Welt – jederzeit

Der entstehende Druck reicht außerdem noch in einen zweiten Bereich. Früher gab es diese Typen, die eine Diskussion allein dadurch am Laufen hielten, dass sie die absurdesten Behauptungen aufstellten, über die man dann stundenlang diskutierte: „Der Kniefall von Willy Brandt 1972 war nur einem Schwächeanfall geschuldet. Der hatte schon damals schwer mit seiner Lunge zu kämpfen: Daran ist er ja dann letzten Endes auch gestorben.“ Früher: große Kontroverse darüber, wann und wo der Kniefall war, welche Lungenprobleme Brandt hatte und wann er gestorben ist … Heute: iPhone raus. 1970. Warschauer Ghetto. Keine Lungenprobleme und kein Schwächeanfall. Tod auf Grund von Darmkrebs.

Dadurch, dass wir jederzeit und überall auf alles Wissen der Welt zurückgreifen können, ist der Druck, etwas nachweislich Falsches zu sagen und sich damit bloßzustellen, viel größer als früher. Das bringt uns um spannende, wenn auch zugegebenermaßen sinnlose Diskussionen. Anfang 2011 hatte ungefähr jeder Fünfte Deutsche ein Smartphone. Heute ist es schon beinahe jeder Dritte. Heißt: Man braucht nur einen Kreis von drei Leuten, um einen potentiell umfänglich Informierten dabei zu haben. Unter jungen Leuten hat sogar mittlerweile mehr als jeder Zweite eines.

 

 

Überall alles erledigen

Der dritte Bereich, in dem die Smartphones unser soziales Miteinander erhöhtem Druck aussetzen, ist, dass wir plötzlich überall alles sofort erledigen können. Das bezieht sich nicht auf Kommunikation. Wir sind heute nämlich außerdem in der Lage, von unterwegs Überweisungen zu beauftragen, Geschenke zu kaufen, Text- und Präsentationsdateien zu bearbeiten, Orte zu finden, an die wir vor Verlassen des Hauses nicht einmal gedacht und Texte zu lesen, von denen wir beim Aufstehen noch nie etwas gehört hatten. Dadurch, dass alles immer schnell gehen kann, wird erwartet, dass alles auch immer schnell gehen muss. Die Qualität der Ergebnisse wird dieser Erwartung nicht immer gerecht. Zu der ständigen Erreichbarkeit und der vollumfänglichen Verfügbarkeit von Wissen kommt also noch eine Erwartung dauerhafter Handlungsfähigkeit hinzu.

Man sollte das aber trotzdem nicht zu negativ sehen. Smartphones erleichtern uns das Leben in vielfältiger Weise. Sie übernehmen Aufgaben und bieten Features, die uns im privaten, wie im beruflichen Bereich extrem helfen. Man muss es mal so sehen: Wir tragen jeden Tag einen kleinen Computer in unserer Hosentasche mit uns herum. Das müssen wir uns bewusst machen. Er übernimmt Aufgaben für uns. Mehr aber auch nicht. Das heißt: Wir sollten uns nicht vollkommen von ihm abhängig machen. Er ist nicht der Mittelpunkt unseres Lebens. Er ist ein Werkzeug unseres Alltags, wie auch der Computer, der Fernseher, die Spülmaschine oder das Auto Werkzeuge für uns sind.

Das heißt, es ist toll, so ein Telefon zu haben. Wenn man es aber mal zu Hause vergisst, ist das kein Beinbruch. Im Gegenteil kann das zwischendrin auch mal eine ganz wohltuende Erfahrung sein.

 

 

 

lg

Bildquelle: Yutaka Tsutano (flickr.com) unter cc by 2.0Denis Dervisevic (flickr.com) unter cc by 2.0

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