Süddeutsche Zeitung startet Leserempfehlungs-Format

facebook, twitter, sueddeutsche, süddeutsche, szHeute Nachmittag gab die Süddeutsche Zeitung bekannt, ein neues Format namens „Trends im Netz“ zu starten. Die Leser können ab sofort auf sz.de im Livetrend verfolgen, welche Artikel der SZ, der FAZ, des SPIEGEL, der ZEIT, der WELT, der Financial Times Deutschland, des Handelsblatt, der New York Times, des Guardian, der BBC, der Washington Post, der NZZ und von derStandard die meisten Likes, Shares und Re-Tweets bekommen haben. Die Idee dahinter:

 

„Millionen Menschen in aller Welt empfehlen ihren Freunden und Bekannten auf Facebook und Twitter täglich interessante Artikel, die sie auf renommierten Nachrichtenseiten lesen. Wenn es gut läuft, zeigt sich hier die sogenannte Schwarmintelligenz, die Weisheit der vielen: Die Nutzer erstellen durch ihre Empfehlungen kollektiv eine Art Live-Rangliste der interessantesten Texte der Welt.“

 

Im Idealfall erwartet sich die SZ davon „eine digitale Presseschau, erstellt von Internetnutzern.“ Das Empfehlen-und-Teilen-Prinzip wird damit aus dem näheren Bekanntenkreis auf die nächst höhere Ebene gehoben. Nicht mehr nur das direkte Umfeld, sondern alle Facebooker und Twitterer sind jetzt das Maß der Dinge. Was sie liken und teilen, bestimmt, was in den komprimierten Newsfeed kommt. Nicht mehr den Freunden und Bekannten vertraut man, sondern plötzlich der breiten und dann doch wieder gänzlich anonymen Gemeinschaft von Usern. Der Vorteil: Man bekommt sehr anschaulich demonstriert, was den Menschen gefällt und was sie beschäftigt. Der Nachteil: Die Empfehlungen des unmittelbaren Umfeldes sind natürlich deutlich persönlicher und spezifischer.

Aus ganz allgemeiner Perspektive ist die Grundidee auf jeden Fall richtig:

 

„Viel zu selten verlinken deutsche Nachrichtenseiten auf die Konkurrenz, viel zu oft aus Faulheit oder aus Angst, dass Leser dann irgendwie untreu werden. Das ist Unsinn. Ein Anachronismus. Wir sollten dafür sorgen, dass Sie als Leser guten Journalismus im Netz finden, ob bei uns oder anderswo. (…) Ein Beitrag zur Offenheit ist die digitale Presseschau.“

 

Ganz abgesehen von diesen Vor- und Nachteilen fällt aber einmal mehr auf, wie groß die Macht des Gefällt-mir-Buttons und des kleinen blauen Vögelchens mittlerweile geworden ist. Um beides kommt man nicht mehr drum herum. Und einmal mehr stellt sich die Frage, ob es gut ist, dass Twitter- und Facebook-Empfehlungen bestimmen, was wir lesen. Denn es ist, trotz des hehren Ziels der Süddeutschen doch unklar, wer die Artikel empfiehlt und teilt. Heißt: Die Qualität der Empfehlung ist nicht unbedingt erwiesen. Dieser Einwand zielt wohlgemerkt ganz und gar nicht in Richtung einer Diskriminierung vermeintlich niedriger Gebildeter. Aber: Wenn ich einen Beitrag zur Eurokrise suche, ist mir der Hinweis eines Wirtschaftswissenschaftlers eventuell mehr wert, als der eines Blumenhändlers. Möchte ich hingegen meinen Garten neu bepflanzen, würde ich auf die Empfehlung eines Blumenhändlers mehr geben, als auf die eines Wirtschaftswissenschaftlers.

Insofern ist das sicher eine sehr interessante Idee. Es wird sich allerdings erst zeigen müssen, ob sie das hält, was man sich von ihr verspricht.

 

Zur Ankündigung geht’s hier.

 

Nachtrag: Bisher scheint das mit dem Newsfeed noch nicht so optimal zu funktionieren …

 

 

lg

Bildquelle: eigenes Foto, all rights reserved; Screenshot

Comments
5 Responses to “Süddeutsche Zeitung startet Leserempfehlungs-Format”
  1. Hallo!

    Teilweise teile ich Ihre Meinung, jedoch nicht in allen Punkten.

    Wichtig ist die Einbindung auf der Startseite der SZ. Stefan Plöchinger (Chefredakteur) fährt schon länger die Strategie, neben der redaktionellen Auswahl der Artikel auf der Homepage durch die Redaktion (linke Spalte) eine rechte Spalte mit User-Generiertem-Inhalt zusätzlich anzubieten.

    Ohne die Rechte Leiste bestimmen allein die Homepage-Chefs der SZ, welche Artikel und somit welche Themen Sie auf der Homepage präsentieren.

    Neu hinzu kommt jetzt die Möglichkeit, dass User-Generierter-Inhalt aus Facebook, Twitter, Kommentare auf SZ prominent auf der Startseite präsentiert werden. Ob jetzt Facebook & Twitter die richtigen Werkzeuge sind, möchte ich nicht beantworten, jedoch haben diese Anbieter öffentliche Schnittstellen, die der SZ erst solche technischen Möglichkeiten eröffnen.

    Das in Ihrem Artikel angesprochene Problem, dass Artikel von der Zeit gelöscht wurden und jetzt ein 404 Fehler auftritt, ist ein Problem, das viele Anbieter wie Facebook, Twitter, RSS-Reader & ähnliche Dienste haben.

    viele Grüße aus München, Sebastian

    • Ja, da sind wir uns weitgehend einig. Es ist den Versuch auf jeden Fall wert. Dass die User die Inhalte der Empfehlungs-Spalte (indirekt) mitbestimmen, ist absolut zu begrüßen. Die Frage ist nur, wie gut das insgesamt funktioniert. Der Einwand war nur: Ganz prinzipiell sind viele Likes, Shares und Retweets noch kein Qualitätskriterium.

      Für die Zeitung selbst – und das schrieb die SZ ja auch in ihrer Ankündigung – ist das insgesamt auch gewissermaßen ein Feature, das der Redaktion bei der Arbeit helfen wird: „Ursprünglich hatten wir die Idee zu dem Angebot, weil wir in der Redaktion neue Themen unserer Lieblingsseiten schneller mitbekommen wollten.“ Was funktioniert im Netz? Worüber sprechen die Menschen bei Twitter und Facebook? Das ist für eine Online-Redaktion selbstverständlich von großer Relevanz.

      Insofern ist in jedem Fall zu hoffen: Selbst wenn es jetzt erstmal nicht optimal funktionieren sollte, würde es wohl auch noch Nachbesserungen geben, die dem Leser wiederum auch zu Gute kämen.

      Deshalb sind auch wir ganz guter Hoffnung!

  2. mirawi sagt:

    Eine fortgeschrittene Version dessen, was die SZ hier startet, findet sich unter http://de.80sec.info/

    Wichtig erscheint mir bei der Qualitätsdiskussion in Verbindung mit Sozialen Netzwerken klar zu stellen, dass die Redaktionen der Zeitungen und Onlinedienste die Artikel verfassen. Die Sozialen Netzwerke sind nur das Medium, über das diese Artikel weiterempfohlen werden und somit nur ein Tool.

    • Sehr guter Hinweis, vielen Dank! Das ist hoch interessant. Funktioniert genau so, wie bei der SZ, nur mit mehr Medien, wenn ich das auf den ersten Blick richtig verstanden habe. Das schauen wir uns mal genauer an, vielleicht stellen wir das auch noch vor.
      Was die Qualitätsdiskussion angeht, ist es absolut richtig, dass die Netzwerke nur der Transporteur der Empfehlungen sind. Und natürlich ist es deshalb sehr schwer, zwischen hochwertigen Empfehlungen und qualitativ weniger wertvollen Empfehlungen zu unterscheiden. V.a., weil das ja doch auch in gewisser Weise subjektiv bleibt.

      • mirawi sagt:

        80sec ist mit 300 Quellen gestartet und lernt selbstständig weitere Quellen einzubinden. Die Anzahl der Quellen ist dabei natürlich kein qualitatives Kriterium. Insofern ist es gut zu verstehen, dass SZ erst einmal auf die sichere Seite gegangen ist und nur Quellen einbindet, die bekannterweise serious sind. 80sec hat hier einen demokratischeren Ansatz, gezeigt wird was die Nutzer der Sozialen Netzwerke interessiert.

        Dazu paßt dann auch der Ansatz die Nachrichten nach Kategorien zusammenzufassen und innerhalb der Kategorien nur den jeweils populärsten Artikel anzuzeigen. Ähnliche Artikel kann man dann durch den Button „Related News“ einblenden. Dabei spielt bei der Frage nach dem populärsten Artikel nicht nur die Anzahl der Empfehlungen eine Rolle, sondern auch wieviele Kommentare abgegeben wurden und wie hoch deren Qualität ist.

        Als weitere Komponente ist für die Auswahl der Artikel noch die Verteilung der Empfehlungen auf der Zeitachse berücksichtigt, was z.B. notwendig ist, wenn man „Hot News“ anzeigen will.

        Wenn weitere Informationen gewünscht sind, stehe ich gerne für Auskünfte zur Verfügung. Oder einfach den Kontakt auf der Seite anrufen. Die Jungs sprechen ein wenig deutsch und ein ordentliches Englisch.

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