Eine Facebook-Party? Ohne mich…

Ein nettes Bildchen aussuchen, ein paar vorgegebene Angaben markieren, und in der „Freundes“-Liste Menschen anklicken, die man dabeihaben möchte: Einladungen über Facebook zu organisieren, ist eine der praktischsten Funktionen, die das soziale Netzwerk bereitstellt.

Als ich neulich ein Abendessen in meiner WG veranstaltet habe, war Tino dabei. Er  ist ein guter Freund, wir haben viel zusammen durchgemacht und sehen uns hin und wieder zu Konzerten, zum Weggehen oder bei Freunden. Tino ist jetzt für lange Zeit auf Weltreise. Zu seiner Abschiedsparty war ich nicht eingeladen. Nicht aus Böswilligkeit, wie mir andere Freunde später klarmachten, sondern weil er mich einfach übersehen hat.

Verständlich. Vor einem halben Jahr habe ich mein Facebook-Pofil gelöscht. Ich wollte sehen, ob ich noch ohne das Netzwerk klarkomme, ob eine Kommunikation über Handy und Email noch möglich sein würde. Um mit dem Ausstieg umzugehen, habe ich ein paar Strategien entwickelt, z.B. regelmäßig Freunde in meinem Umkreis befragt, was sie am Wochenende vorhaben, selber zu Parties eingeladen oder meine Zeit mit facebookfernen Aktivitäten verbracht: Ich bin in die Natur gefahren, habe meine  fast hundert-jährige Großtante durch Rom geführt und in Ruhe meine Bachelorarbeit geschrieben. Mit meinen Freunden habe ich mich per Email und SMS verabredet. Ich bin zufrieden mit dem Gefühl, einen klareren Kopf für Dinge zu haben, die mir am Herzen liegen und der Informationsflut halbrelevanter Bilder und Nachrichten entflohen zu sein. Alles ist sehr übersichtlich und entspannt geworden. Ich habe das Gefühl, keine Sekunde meines Tages mehr an Facebook abtreten zu können und frage mich, wie ich das früher bewerkstelligt habe. Dass mich Tino – ein relativ guter Freund – vergisst, hat mich trotzdem zum Nachdenken gebracht.

Inzwischen hat er mir alles erklärt und sich per Telefon verabschiedet. Ich kann ihm gar nicht böse sein, weil ich mich selbst noch gut daran erinnere, wie irritiert ich war, wenn Leute keinen Facebook-Account hatten. Ich fand diese Art der Kommunikationsverweigerung dreist und konnte oft nicht nachvollziehen, warum ich Freunde per Extra-Einladung zum Kommen auffordern sollte. Es war mir eigentlich schon von Anfang an klar: Ich melde mich ab und muss Abstriche machen. Inzwischen weiß ich: Um mitmischen zu können, muss man in Listen und Gruppen auftauchen. Es scheint unglaublich wichtig geworden zu sein, sein soziales Umfeld auf Facebook zu visualisieren um den Überblick über die zahlreichen Kontakte nicht zu verlieren.

 

 Ist die Zeit meines Selbstversuchs bald abgelaufen?

Der Druck, wieder bei Facebook einzusteigen, wird aus mehreren Gründen größer.Erstens: Der einzige Mensch in meinem näheren Umfeld, mit dem ich die Erfahrung, kein persönliches Profil im Netz zu haben, teilte, hat seine Abstinenz aufgegeben und sich aufgrund eines Jobs wieder anmelden müssen. Zweitens haben wir diesen Blog vor kurzem mit Facebook verbunden um Leser zu erreichen, die das Netzwerk nutzen. Als Nicht-Mitglied sehe ich nur die Hälfte des Blogprofils, kann z.B. keine Fotos kommentierender Leser sehen oder Profile von Freunden suchen. Und drittens habe ich bei neuen Bekanntschaften immer öfter das diffuse Gefühl, dass irgendetwas fehlt: Über die Uni habe ich in den letzten Wochen viele neue Leute kennengelernt. Diese Begegnungen wurden bisher durch keine Freundschaftsanfrage quittiert, in keiner Liste verbucht. Es gibt keine Statusmeldung und damit keinen virtuellen Beweis, dass es uns wirklich gibt, wir uns kennengelernt haben und uns sympathisch waren.Werden wir uns trotzdem sehen, anrufen, gegenseitig einladen?

Ich bezweifle es. Aus Facebook-Bekanntschaften können auch echte Freundschaften werden. Das habe ich schon oft so erlebt. Denn paradoxerweise ist in vielen Fällen eine unverbindliche Einladung der perfekte Ausgangspunkt für einen verbindlicheren Kontakt.

 

 

 

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Bildquelle: spacepleb (flickr.com) unter cc by 2.0

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  1. […] erzählen. Weil ich nicht bei Facebook bin, wurde ich einmal nicht zu einer Party eines wichtigen Freundes eingeladen. Das war kurz traurig. Möglicherweise sind mir auch Parties von anderen Bekannten und […]



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