Die Sache mit den Facebook-Fähnchen

Jeder von uns hat das schon gesehen. Oder zumindest viele von uns. Die anderen haben davon gehört. Von diesen Cafés in Berlin Kreuzberg, Mitte, Friedrichshain, in denen an jedem Tischchen ein junger Mensch vor seinem Mac sitzt und an seinem „Projekt“ arbeitet. Das ganz große Ding, von dem noch keiner weiß, von dem aber doch (hoffentlich) bald alle reden werden. Dazu ein Latte. Was da nicht fehlen darf, ist das ständige Aufrufen des Facebook-Profils. Checken, ob sich jemand gemeldet hat. Schauen, ob nicht jemand was gepostet hat. Mit dem Handy am Ohr. Parallel auf dem Computer. Das wirkt cool, lässig, wichtig und irrsinnig gefragt.

 

Selbstdarstellung auf Facebook

Im Endeffekt ist es aber nichts anderes, als eine Art Selbstdarstellung. Diese ganze Betriebsamkeit ist dem Umstand geschuldet, dass man eigentlich gar nicht so cool und lässig ist. Sondern ganz im Gegenteil sogar ziemlich unsicher. Was, wenn das „Projekt“ doch nicht den erwünschten Durchbruch bedeutet. Immerhin drehen die Eltern ja auch irgendwann den Geldhahn zu. Dann kann man sich nicht mal mehr den Latte leisten. Nicht mal mehr in Berlin. In Mitte ja schon sowieso nicht mehr.

Jetzt sitzt man aber noch in dem Café, für den Latte hat es noch gereicht. Und man wirkt. Das Problem ist, was macht man, wenn einem gar keiner schreibt und sich gar niemand meldet? Dann wirkt man ja doch nicht mehr. Die Tarnung könnte auf die Dauer auffliegen. Vor allem, wenn man lange im Café sitzt. Und die Leute am Tisch nebenan auch. Unter Facebookern gibt es deshalb ein Erkennungszeichen, das jedem unmissverständlich die eigene Wichtigkeit kommuniziert. Eine in ihrer ganzen Pracht rot aufleuchtende Home-Leiste. Da sind die Buttons für Nachrichten, Veranstaltungen und Freundschaftsanfragen. Jedes Fähnchen, dass oberhalb der kleinen Symbole aufleuchtet, transportiert die Info: 2 Freundschaftsanfragen, 4 ungelesene Nachrichten, 3 Veranstaltungseinladungen. Das ist schon mal ein Anfang. Es gibt aber auch Leute, die haben 1.063 ausstehende Freundschaftsanfragen. Wohlgemerkt Personen, keine Fanpages.

Es gibt zwei Deutungsmuster: Das weniger verbreitete lautet: „Muss diese Person aber unzuverlässig sein, dass sie nicht mal ihre Nachrichten liest und ihren Freunden antwortet.“ bzw. bei  1.063 ausstehende Freundschaftsanfragen: „Dieser Mensch hat eine Persönlichkeitsstörung.“ Die weiter verbreitete Deutung lautet: „Wahnsinn, muss der busy sein, beliebt, bekannt und cool. So viele Leute schreiben dem, so viele Leute wollen sein Facebook-Freund werden und auf so viele Veranstaltungen wird er eingeladen.“

 

Eine (unbewusste) Strategie

Jetzt mag es solche geben, auf die da wirklich zutrifft. Der Großteil der Leute aber – und davon kennt jeder von uns einige – ist gar nicht so beliebt. Und trotzdem prangt die Home-Leiste in voller, roter Pracht. Ich halte das für eine Strategie. Vielleicht eine unbewusste. Aber eine Strategie, nie mehr das Facebook-Profil öffnen zu müssen und blau zu sehen. Jeder von uns will rot sehen. Beliebt sein, gefragt sein, viele Freunde haben. Das wahre Leben ist aber meistens weniger Sex and the City, als wir es uns wünschen. Wenn es richtig gut läuft, ist es im Idealfall Girls und wir können es es wie Sex and the City aussehen lassen. Und wenn es schlecht läuft, dann landen wir irgendwann auf flirt-fever.de. Ist es da nicht toll, wenn wir uns wenigstens nach außen hin selbst den Anstrich einer gefragten Person geben können. Einfach, indem wir ein paar Veranstaltungseinladungen ungelesen im Posteingang lassen, komische Messages von Leuten, die mit uns zur Schule gegangen sind, nicht anklicken und indem wir die Freundschaftsanfragen von genau diesen Leuten einfach nicht beantworten?

Wichtigkeit muss erzeugt werden. Das weiß man seit jeher. Es heißt nicht umsonst: Klappern gehört zum Handwerk. Wer richtig schafft, bei dem klappert es. Wer wichtig ist, der hat halt auch auf Facebook nicht für jeden und alles Zeit.

 

Nachtrag:

In der HBO-Serie Girls war das Phänomen in der 8. Folge der 1. Staffel übrigens gerade zu beobachten …

 

eigener Screenshot, all rights reserved to HBO

 

 

 

lg

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s