Freefall Power

Ist man ein glücklicher Mensch, wenn man innerhalb von fünf Tagen rund 4 Milliarden Dollar verliert? Zunächst einmal wären die meisten Menschen wohl glücklich, überhaupt 4 Milliarden Dollar zum Verlieren zu besitzen. Sie dann aber tatsächlich wieder hergeben zu müssen, würde wohl keinen von ihnen glücklich machen. Irgendwie verständlich. Etwas schwieriger wird es, wenn man fragt: Wie ist das, wenn man 19 Milliarden hatte – und jetzt „nur“ noch 15? Zugegeben, diese Frage können wahrscheinlich noch weniger Menschen beantworten, als die erste. Einer der wenigen, der auf beide Fragen eine Antwort wüsste, ist Mark Zuckerberg. Er macht diese Erfahrung ja gerade.

Am 18. Mai ist sein Unternehmen an die Börse gegangen. Mit einem Rekorderlös von 16 Milliarden Dollar – 38 Dollar pro Aktie, auch das ist ein Höchstwert. Heute liegt die Aktie bei rund 30 Dollar. Die 16 Milliarden von Freitag sind damit am Mittwoch nur noch 12,6 Milliarden wert. Eine Erfolgsgeschichte liest sich anders. Woran das liegt? Das ist hier die Frage: Wieso könnte sich das, was im Hype gestartet ist, als eine Einzelfall-Kopie der Internetblase Anfang der 2000er entpuppen?

Eine mögliche Antwort ist das fehlende Innovationspotential von Facebook. Nicht, dass Facebook sich keine Mühe geben würde, innovativ zu sein. Sicher ist es das sogar im Rahmen seiner Möglichkeiten. Es entstand einen Messenger, eine Timeline, Places, … Alles neue Funktionen, die in der Netzwerk integriert wurden und die Möglichkeiten der Nutzer eklatant erweitert haben. Auch in Zukunft ist mit weiteren solchen Neuerungen zu rechnen. Aber sind diese Neuerung wirkliche Innovationen? Den Messenger gab es vorher bei MSN, ICQ, usw. Places ist eine Idee, die in einer Vielzahl von Varianten mit dem Einbau einer GPS-Funktion zunächst Handys und dann Smartphones eroberte. Man konnte schon vor Places angeben, in welchen Clubs, Cafés und Bars man war, welche Restaurants, Kinos und Museen man besuchte – unabhängig vom Land. Und das Prinzip des Lebenslaufs ist, freundlich formuliert, älter als das Internet. Die „Innovationskraft“ Facebooks besteht somit immer wieder darin, Bestehendes in seine Welt zu integrieren und als Neuerung und Erweiterung zu verkaufen. Das ist keine Kritik, denn es funktioniert ja. Sehr gut sogar. Und es ist aus Sicht des Unternehmens die einzig sinnvolle Strategie: Man baut auf einer guten Idee auf und erweitert sie den Möglichkeiten und gesellschaftlichen Entwicklungen entsprechend.

Wenn man es aber einmal so betrachtet, ist das Potential wirklicher Innovationen, das von Facebook ausgeht, relativ gering. Vor allem im Vergleich mit branchennahen Unternehmen wie Apple. Das Unternehmen aus dem kalifornischen Cupertino verkaufte 1983 mit Lisa OS eines der ersten kommerziellen Betriebssysteme, das sich mit einer grafischen Benutzeroberfläche steuern ließ und legte damit den Grundstein des heutigen Umgangs mit PCs. Es erfand den iPod und den iTunesStore. Zusammen revolutionierten die beiden den gesellschaftlichen Konsum von Musik. Es brachte sein iPhone auf den Markt und revolutionierte den Gebrauch von Mobiltelefonen. Klassische „Handys“ gibt es heute (fast) keine mehr. Es gibt nur noch Smartphones – mit Touchscreen. Und zuletzt brachte Apple sein iPad heraus, das den breitenwirksamen Umgang mit großformatigen, portablen Touchscreen-Geräten revolutioniert. Und nicht nur das, mit dem Apple Bookstore und den an das iPhone und das iPad angeschlossenen Digitalausgaben von Tages- und Wochenzeitungen sowie Zeitschriften stieß Apple die Veränderungen gesamtgesellschaftlicher Lesegewohnheiten an. Die Aktienkurse des Unternehmens spiegeln diese Innovationskraft – gerade im letzten Jahrzehnt – wider.

Will Facebook eine ähnliche Erfolgsgeschichte an der Börse schreiben, muss das Unternehmen den potentiellen Investoren greifbare Argumente dafür liefern, dass es dazu in er Lage ist, die Gesellschaft langfristig durch Innovationen zu prägen – und nicht nur den gesellschaftlichen und digitalen Entwicklungen entsprechend zu reagieren. Dass Facebook das bereits einmal durch die breitenwirksame Etablierung eines den Globus umspannenden sozialen Netzwerks geschafft hat, steht außer Frage. Will das Unternehmen aber dem Schicksal der platzenden Börsen-Blase entgehen, wird es sich in Zukunft nicht nur durch den Zukauf von Patenten und innovativen Unternehmen über Wasser halten können. Ganz im Gegenteil wird es für den langfristigen Erfolg die Gesellschaft auf einer Welle der Innovation vor sich hertreiben müssen.

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lg

Bildquelle: slollo (flickr.com) unter cc by 2.0

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