Homo sociologicus – warum wir posten

Es ist ein Phänomen des Digitalism, dass wir so viel über die Gefühle und Ansichten unserer Freunde (und über unsere „Freunde“) wissen, wie nie zuvor. Wir geben plötzlich vielen Menschen Dinge preis, die wir eigentlich gar nicht so vielen Menschen erzählen würden. Es sind Dinge über die politische Einstellung: „Daumen hoch. Die FDP ist auf Seehofers Facebook-Party stark vertreten“ (mit Bild), es sind Dinge über das Seelenleben: „Kennst des wenn man einfach die Zeit komplett zurückdrehen will?“ und über die Aktivitäten des Tages: „Dann starten wir mal durch zum Expo-Gelände“.

 

Ein Beispiel aus dem wahren Leben

Aber würden wir das offline auch machen? Ein Beispiel: Ich war letztens auf einer Vernissage. Viele Leute, mehr und weniger interessante Fotografien und vor allem: viel Alkohol. Das perfekte Get-together des Who’s who der Scene. Jetzt kommt ein deutlich angetrunkener, älterer Herr zu mir und fragt mich, ob ich denn auch fotografiere. Ich sage „Gelegentlich“, verneine aber jegliche Professionalität. Er scheint enttäuscht und fragt „Musik?“ Das gleiche Spiel noch einmal. Dann sagt er – zugegebenermaßen etwas aus dem Zusammenhang gerissen –: „Vergangenheit? Zukunft?“ Ich bin irritiert, dass mir nur Brocken hingeworfen werden und frage freundlich, wessen Vergangenheit und Zukunft ihn jetzt wohl interessiere. Er sagt: „Ihre“ und fragt rundheraus, was meine Pläne seien, wo ich hinwolle. Ich weiß das eigentlich, sage aber, ich wüsste es nicht und muss mich die nächsten fünf Minuten darüber unterhalten lassen, dass es ja unmöglich sei, nicht mal zu wissen, wo man hinwolle. Gut, das ist nervig, aber ich habe in dem Moment wenigstens im Griff, wer etwas von mir erfährt und wer nicht.

 

Mögliche Gründe

Das habe ich auf Facebook zwar theoretisch auch, aber erstaunlicherweise scheint man dort deutlich weniger sensibel mit dem Selbst umzugehen. Warum? Ein intuitiver und ein wissenschaftlich fundierter Grund dafür:

Der erste Grund ergibt sich aus dem obigen Vernissage-Beispiel. Offline steht eine echte Person vor mir. Das klingt banal, ist es aber nicht. Häufig weiß ich ja gar nicht, wer bei Facebook Kontakt zu mir aufnimmt, ob die Identität desjenigen echt ist bzw. wie sich die Person, die ich mal kannte, bis heute verändert hat. Wenn man hier jedem Naivität unterstellt, der auch mal Fremde oder „Freunde“ von „Freunden“ von „„Freunden““ bestätigt, der macht es sich zu einfach. Zunächst aber: Habe ich einen direkten Kontakt, kann ich mich im Idealfall auf mein Gefühl, meine Intuition, den ersten und den zweiten Eindruck verlassen. Klar, auf Facebook kann ich das auch, wie gesagt zunächst aber nur theoretisch.

Und irgendwie – damit kommen wir zum zweiten Grund – ist sie doch verlockend, die Möglichkeit anzugeben, dass ich freizeitmäßig Musik mache, fotografiere und zu posten, was ich später mal machen möchte (und damit in meiner Timeline langfristig zu dokumentieren, was ich gemacht habe). Woher aber rührt diese Verlockung? Ein Team von amerikanischen Neurobiologen will herausgefunden haben, dass uns unsere menschliche Natur hier wohl einen Streich spielt:

We test recent theories that individuals place high subjective value on opportunities to communicate their thoughts and feelings to others and that doing so engages neural and cognitive mechanisms associated with reward. (…) Here, we suggest that humans so willingly self-disclose because doing so represents an event with intrinsic value, in the same way as with primary rewards such as food and sex. (…) In an ultimate sense, the tendency to broadcast one’s thoughts and beliefs may confer an adaptive advantage in individuals in a number of ways: by engendering social bonds and social alliances between people; by eliciting feedback from others to attain selfknowledge; by taking advantage of performance advantages that result from sharing one’s sensory experience; or by obviating the need to discover firsthand what others already know, thus expanding the amount of know-how any single person can acquire in a lifetime. As such, the proximatemotivation to disclose our internal thoughts and knowledge to others around usmay serve to sustain the behaviors that underlie the extreme sociality of our species.

 

Das Dilemma des Sozialverhaltens

Wir sind also gefangen im Dilemma unseres Sozialverhaltens. Es bereitet uns einen freudigen Schauer, wenn wir anderen etwas von uns mitteilen und noch einen größeren, wenn jemand aus unserem Umfeld, notfalls aber auch jemand anderes, darauf reagiert. Wenn wir Zuspruch bekommen, wenn wir Aufmerksamkeit erlangen. Ein Post, vierundzwanzig Likes und zehn Kommentare ist besser als ein Post, drei Likes und kein Kommentar. Logisch. Das macht nicht nur mathematisch Sinn, sondern liegt offenbar auch in unserer Natur. Ralf Dahrendorfs Satz, für die Soziologie sei „der Prozess der Sozialisierung stets ein Prozess der Entpersönlichung“ (Dahrendorf, Homo sociologicus, 1974, 58) bekommt vor diesem Hintergrund eine ganz neue Bedeutung. Hatte Dahrendorf noch gemeint, man müsse sich von der Vorstellung einer Persönlichkeit trennen, weil man gegenüber der Gesellschaft in verschiedenen Situationen verschiedenen Rollenvorstellungen zu genügen habe, wird die Entpersönlichung nun im Digitalen weitergetrieben, indem man das Persönliche nicht mehr vom Öffentlichen trennt.

Was die Identitätsbildung angeht ist dies ein zweischneidiges Schwert. Einerseits kann man sagen, das Verschmelzen von öffentlichem und privatem Ich sei positiv. Denn mit George Herbert Mead bildet sich die „Identität des Einzelnen einfach durch die Organisation der besonderen Haltungen der anderen ihm selbst gegenüber“ (Mead, Geist, Identität, Gesellschaft, 1992, 200). Dadurch, dass ich besonders viel Feedback anstrebe (und hoffentlich bekomme), habe ich demnach eine besonders hohe Chance auf eine erfolgreiche Identitätsbildung. Andererseits jedoch kann die Identitätsbildung in eine Identitätskonstruktion ausarten, wenn man versucht ein bestimmtes Feedback durch bestimmte Mitteilungen zu provozieren. Problematisch ist daran, weiterhin mit Mead, dass der zweite Schritt der Identitätsbildung in den Hintergrund rückt. Denn im „zweiten Stadium (…) wird die Identität des Einzelnen nicht nur durch die Organisation dieser besonderen individuellen Haltungen gebildet, sondern auch durch eine Organisation der gesellschaftlichen Haltungen des verallgemeinerten Andern oder der gesellschaftlichen Gruppe als ganzer.“ (Ebd.) Tritt letzterer Aspekt jedoch in den Hintergrund, indem ich nur noch anstrebe, meine Identität selbst aus den mir entgegengebrachten Einstellungen zu konstruieren und sie sich nicht sich selbst bilden zu lassen, geht der Gesellschaft letztlich ihre sozialintegrative Funktion verloren.

Das bedeutet keineswegs, in kollektive Hysterie verfallen und die Flucht aus den sozialen Netzwerken antreten zu müssen. Das wäre übertrieben. Ein reflektierterer Umgang mit dem eigenen Verhältnis zu sich selbst und zum Selbst wäre allerdings nicht schlecht. Denn jetzt, da wir wissen, warum wir posten, könnten wir besser kontrollieren, was wir posten.

 

 

 

lg

 

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