„www.f“ – ein Ausstieg aus dem Netzwerk

Seit einem halben Jahr lebt unsere Autorin Hanna ohne Facebook. Hier könnt ihr einen sehr persönlichen Erfahrungsbericht über Reaktionen auf ihren Ausstieg, technische Details und das Gefühl lesen, nicht mehr bei Facebook zu sein. 

 

Ich hab Entzugserscheinungen. Dass ich meinen Account gelöscht habe, ist nun eine Woche her und ich tippe immer noch wie automatisiert die Kombination „www.f“ in mein Browserfenster ein. Ich komme mir dämlich vor. Wie jemand, der auf die Uhr schauen will und in Wirklichkeit keine anhat. In der ersten Nacht nach der endgültigen Löschung meiner Profildaten bei Facebook wache ich dreimal auf. Ich denke über nichts Besonderes nach, spüre nur ein diffuses Unwohlsein. Ich weiß, dass es mit meinem Austritt zu tun hat. Unendlich aufgedreht und ein bisschen euphorisch denke ich daran, wie sehr ich das Leben dafür liebe, Veränderungen selbst bestimmen zu können.

Es hat mich überflutet und sich immer mehr Platz in meinem Tagesablauf ergattert. Mehrmals am Tag war ich bei Facebook online, fand es traurig, wenn ich die obere Leiste meines Profils durchgehend blau und ohne rote Benachrichtigungsfähnchen vorfand. Ich wartete eigentlich immer. Auf Nachrichten, Freundschaftsanfragen oder Einladungen. Immer wieder wollte ich mich vergewissern, ob nicht doch jemand etwas auf meinem Profil angeklickt oder kommentiert hatte. Wenn ich am Laptop saß, war die Seite im Hintergrund geöffnet. Wenn ich gut gelaunt war, erschienen mir meine Profilbilder zu nachdenklich, wenn ich nachdenklich war, erschienen sie mir zu aufgedreht. Die Gedanken an meine Selbstdarstellung und damit verbundene Privatsphäre-Einstellungen strengten mich an. Ich wusste nicht mehr, wem ich was von mir preisgeben wollte, sah aber gleichzeitig keinen Sinn darin, überhaupt nur einen Gedanken daran zu verschwenden. Facebook machte mich unruhig und lenkte meine Aufmerksamkeit durchgehend auf mich und meine Netzwerk-Aktivitäten.

 

Ein Overload und raus

An meinem letzten Arbeitstag als studentische Hilfskraft halte ich es nicht mehr aus. Ich nehme den Abschied von meinen Kollegen zum Anlass, mich auch virtuell auf neue Verhältnisse einzulassen. Ich will mich schleunigst von meinem Daten- und Bilderballast auf Facebook befreien. Beim Durchgehen meiner gesamten Freundesliste überlege ich, welche Personen hinter den Miniaturbildchen ich wirklich schätze, mit wem ich anderweitig Kontakt habe, bei wem es nicht schlimm ist, wenn man sich aus den Augen verliert. Ich notiere mir nach Ländern geordnet die Emailadressen meiner Auslandskontakte. Pro Land sind es ca. 3 Menschen, die ich anrufen oder anschreiben würde, wenn ich in der Nähe vorbeikäme. Bei allen, mit denen ich sowieso nicht per Email kommuniziere oder skype würde mir das sowieso nie einfallen und nur unangenehme Situationen verursachen. Ich beschließe, auf den Kontakt zu allen „Bekannten“ die ich über die Jahre in meinem Profil angesammelt habe, zu verzichten. Am unteren Ende meines Accounts hatte ich noch vor kurzer Zeit einen „Profil deaktivieren-Button“ gesehen. Weder in der Leiste links noch ganz unten noch bei meinen Kontoeinstellungen kann ich mein Profil deaktivieren oder löschen. Ich bin fassungslos und rufe Lenny an, den einzigen Menschen in meinem Umfeld, der sein Profil ebenfalls gelöscht hat. Er hatte vor ungefähr zwei Monaten eine Abschiedsnachricht rumgeschickt, in der er von seinem digitalen Selbstmord berichtet und sich bei allen Facebookfreunden verabschiedet.

 

Account löschen? Geht nur über einen speziellen, facebookexternen Link 

„Ich will meinen Account löschen. Wie geht das?“ Er lacht kurz und erklärt mir, dass Facebook offensichtlich kein Interesse daran habe, mich als User gehen zu lassen. „Das ist komplizierter. Ich kann dir gleich einen Link schicken.“ Weil ich den Vorgang beschleunigen will, gebe ich selber bei Google „Facebook-Account löschen“ ein. Bei http://www.tagseoblog.de/facebook-account-loschen-oder-deaktivieren finde ich eine ausformulierte Anleitung, in der genau nachzulesen ist, was „Löschen“ und „Deaktivieren“ der Profildaten bedeutet. Bei Facebook eingeloggt kann der darunter angegebene Link angeklickt werden und der Löschvorgang beginnt. Es ist vielmehr ein Klick-Marathon: „Sind sie wirklich, sicher, dass sie Ihren Account löschen wollen? Sie verlieren ihre Daten danach unwiederbringlich.“ Ich muss mich kurz überwinden und klicke „ja“. Danach muss ich drei weitere Identifizierungscodes eingeben. Erst der dritte wird akzeptiert, obwohl ich das Gefühl habe, die verzogenen Buchstaben richtig eingetippt zu haben. Dann heißt es: „Wenn Sie sich innerhalb der nächsten 14 Tage in ihr Profil einloggen, steht Ihnen Ihr Konto wieder zur Verfügung. Danach werden alle Daten gelöscht.“ Ich bin sauer und fühle mich, als hätte ich noch gar nicht mit dem Löschen angefangen.

Auf eine Abschiedsnachricht habe ich verzichtet. Ich wollte den Leuten, die ich in der Wirklichkeit treffe, selber erklären warum Facebook mich nicht glücklich gemacht hat. Eine Freundin erzählt mir, dass es ohnehin nicht mehr möglich ist, eine Nachricht an alle Kontakte zu senden. Verabschiedungen zählen wohl zu den wenigen Gelegenheiten, die diese Funktion erforderlich machen. Facebook scheint an der Abschaffung derartiger Buttons großes Interesse zu haben.

 

Wer war ich bei Facebook?

Ich hatte 384 „Freunde“, ein Profil mit Patina, viele kommentierte Profilbilder, Likes und Kommentare. Eine Wall, die man nach Geburtstagen dreimal scrallen konnte, bis man Glückwünsche von Bekannten hinter sich gelassen hatte. Dann einige Posts, gute Resonanz, einige SZ-Artikel über Facebook-Bilder oder die Dreigroschenoper im Volkstheater. Weiter unten kam ein Post, als ich mal Geld brauchte: „Wer hat einen Job für mich?“ Oder ein „Over!!!“ nach den Klausuren im Februar. Mein Profil war auch voll mit Einträgen von Freunden: „Verrückt, wie oft wir uns zufällig treffen“, von einer Bekannten. Hatte ich gleich geliked. Der am weitesten zurückliegende Eintrag, an den ich mich erinnere war „Trink ne Maß für mich mit, Goldstück“ und kam von einer Freundin aus Berlin pünktlich zum Oktoberfest.

 

 

Reaktionen 

Am Telefon erzähle ich Anton, einem guten Freund, von meinem Lebenswandel. Er sagt nur: „Schade.“ „was heißt hier schade, Anton?! Das ist voll gut.“ Ich fange also an mich zu rechtfertigen. Er nuschelt noch „Ja, wahrscheinlich beneidenswert.“ Am nächsten Tag sitzen wir wieder zusammen in der Uni und er kommt nochmal auf unser Telefonat zurück: „Ich hab mir überlegt, ich hab echt komisch reagiert und ’schade‘ gesagt. Hab ich doch, oder? Ich war kurz davor, dir alle Vorteile von Facebook aufzuzählen.“ In meiner WG herrscht weitestgehend Unverständnis, als ich am Küchentisch von meiner Löschung erzähle. Meine Mitbewohnerin Alina hat über die letzten Semesterferien gute Erfahrungen mit Facebook gemacht. „Die Einladung für mein Theaterstück! Ich hätte mich ohne Facebook nie mit einem Mädel aus Dresden kurzgeschlossen. Die meinte: Gib mir mal deinen Namen, ich such dich und komm zur Aufführung.“ Kurz danach schrickt sie nochmal auf: „Oh nein! Hanna, du hattest doch immer diese Infos zu underground parties! Du kannst mir das echt nicht antun! Das ist unfair!“ Nach einiger Zeit sagt Emilie, eine andere Mitbewohnerin: „Ich denk irgendwie gar nicht so über die Folgen nach. Ich hätte voll Angst, nichts mehr mitzubekommen.“ Auch Luise kommentiert meinen Ausstieg und erzählt von einer Freundin, die sich nach einem Jahr wieder angemeldet, ihr Profil aber in stark abgespeckter Version präsentiert hat. „Es war wegen den Medizinunterlagen, die nur noch über Facebook in Umlauf kommen.“

 

Bisher kein zurück

Dass allein das Löschen meines Profil mit starken Komplikationen verbunden war, hat mich schockiert und meine Entscheidung zementiert. Es ist Wochenende. Auf der Fahrt zu meinen Eltern lese ich einen Zeitartikel über Timeline. Er ist mit Southpark-Bildchen illustriert: Stan kann seinen Facebook-Account nicht löschen. Er starrt entsetzt auf den Bildschirm, aus dem ein heller Strahl geschossen kommt. Als ich meinen Kopf vor Müdigkeit zwischen Fenster und Kopflehne kippen lasse, merke ich, wie meine Gedanken verschwimmen. Ich bin kurz davor zu träumen, schrecke aber nochmal hoch: „Bin ich jetzt raus oder nicht?“ – für einen Moment bin ich mir nicht sicher, ob mich Facebook hat gehen lassen. Dann schaue ich nochmal aus dem Fenster, auf Hochspannungsleitungen und deutsche Äcker. Ich werde ruhig. Meine Gedanken hängen noch einige Zeit in der Facebook-Welt und in meinem Kopf erscheint ein Profilbild von meiner Kommilitonin Nora mit einem Hut im Kornfeld bei Padua. Ich schlafe ein.

 

Weitere Artikel:

„Wie Sie Mark Zuckerberg den Rücken kehren“

„Auf Facebook kannst du nichts löschen“

„Michael Umlandt: Wenn es ein Leben vor Facebook gab, muss es auch ein Leben nach Facebook geben“

 

 

 

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Bildquelle: Eigene Bilder, Alle Rechte vorbehalten; lilli2de (flickr.com) unter cc by-sa 2.0

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