Paparazzi. Überall Paparazzi.

Facebook bestimmt unser Leben? Quatsch. Das machen wir immer noch selbst. Aber Facebook nimmt darin einen wichtigen Platz ein. Eine von vielen Perspektiven darauf, wieso das so ist.

No Photos! Man kennt sie, diese Geste: Ein ausgestreckter Arm, die Handfläche und Finger zu einer länglichen, ovalen Fläche geformt, nach oben gestreckt, wie als wollte man ein schweres Tor öffnen, dessen Scharniere bereits schwer verrostet sind. Man kennt nicht nur die Geste, man kennt auch die Fotos dieser Bitte-keine-Fotos-Geste – ein Paradox. Oft sind es Menschen mit Sonnenbrille – in diesem Fall vornehmlich Frauen – die ihr ungeschminktes Gesicht in weiser Voraussicht vor zu tiefen, fremden Blicken zu schützen wussten. Manchmal sind es Menschen mit ihren Kindern an der Hand, Menschen beim Einkauf, Menschen auf Parkplätzen und in Cafés, Menschen am Strand. Menschen im alltäglichen Leben.

 

Eine Ausstellung in Berlin

Berlin widmet dem ersten Promi-Paparazzo der Welt, Ron Galella, gerade eine noch bis zum 26.2. im C/O Berlin an der Oranienburger Straße laufende Ausstellung eben solcher Bilder. Sie sind „weder skandalös noch pietätlos“, sondern einfach erschreckend „selbstverständlich“ (Rebecca Casati, SZ 291/2011, 18). Bilder, die den Alltag prominenter Personen illustrieren. Bilder eines Lebens, das Du und Ich führen, nur ohne Paparazzi und die Bitte-keine-Fotos-Geste.

„Die  Menschen gierten und gieren nach immer neuen fotografischen Beweisen, dass Prominente sich mit denselben Sachen wie alle anderen beschäftigen – obwohl sie doch viel reicher, perfekter, begehrter sind als alle anderen.“ (Casati)

Und damit nicht genug. Es ist der Trend zu beobachten, dass man sich heute nicht mehr nur mit dem Beweis begnügt, dass Prominente zum Friseur, zum Arzt und zum Standesamt müssen. Auch von den Freunden, Bekannten und entfernten Bekannten wüsste man das heute gern. Man hat coole Freunde, langweilige, lustige, alternative. Ob diese abseits der persönlichen Treffen aber genau so langweilig, lustig und alternativ sind, wie man sie selbst immer erlebt, würde man natürlich gern prüfen. Dafür aber extra einen Paparazzo zu engagieren, war den meisten bislang wohl zu kostspielig – beziehungsweise es haben nicht viele Personen von diesem Engagement erfahren.

 

Heute ist das anders

In Zeiten von Facebook ist das anders. Nicht nur, dass man nun tatsächlich überprüfen kann, ob es den Freunden gelingt, die Konsistenz ihres Images auch im Internet aufrecht zu erhalten.  Praktischerweise zeigen sie uns das auch noch vollkommen freiwillig. Sie teilen mir mit, was sie gerade tun. Sie zeigen mir, wo sie gerade sind. Und sie stellen mir die passenden Fotos dazu zur Verfügung. Sie sind ihr eigener Paparazzo.

Damit befriedigen sie unsere Neugier. Und meist ist dies nicht weniger entlarvend, als bei den abgelichteten Promis. Die meisten von uns sehen ungeschminkt anders aus, als geschminkt. Wenn man den Bus verpasst, muss man laufen. Am Ende des Monats ist meist weniger Geld da, als noch vier Wochen zuvor. So ist das Leben. Wenn man es sich recht überlegt, stellen wir dementsprechend alle eigentlich das selbe online. Nur in unterschiedlichen Schattierungen. Aber wozu dann die Neugierde?

 

Promis und Paparazzi

Es ist der einfache Mechanismus, der auch bei der Prominenzberichterstattung greift. Grundsätzliche Medien-Nutzungsmotive sind Information, Unterhaltung, Integration und Identität. Gerade bei der Berichterstattung über Prominente dominieren Integration und Identität. Wir suchen einen Vergleich zu den Promis und wollen unser Leben vor dem Hintergrund des ihrigen einordnen. Oder wir suchen Anschlusskommunikation, um mit anderen darüber sprechen zu können. Es ist beruhigend, dass auch Kirsten Dunst mal die Katze entläuft, dass Models wie Alessandra Ambrosio wie wir auch mal ungeschminkt verreisen und dass gefeierte Sängerinnen wie Adele angeblich auch ein paar Pfunde zu viel auf den Hüften haben.

Genau das möchten wir heute auch über unsere Freunde, Bekannten und Facebook-Kontakte wissen. Je mehr desto besser. Denn desto mehr haben wir mit anderen zu besprechen und desto besser können wir uns mit anderen vergleichen – aufwärts und abwärts. Und das Tolle ist: Wir können davon ausgehen, dass sie sich in den wenigsten Fällen gegen Fotos weigern werden. Go! Photos!

 

 

 

lg

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